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Plädoyer für’s analoge Leben

13 Apr

Wann haben Sie zuletzt einen handschriftlichen Brief verfasst?

Wo sind Sie öfter: im Internet oder im Wald?

Solche Fragen stellt Thomas Montasser, der die digitale Welt auf unterhaltsame Art und Weise kritisch betrachtet. Zum Beispiel erzählt er von seinem I-Pod spielenden Sohn,  Weiterlesen 

Köln: “…riesige Mengen lieber und lächelnder Mädchen…”

5 Jan

Zu den anrührendsten Zeilen seines Debütromans zählen jene über ein Gymnasium in Köln:

“Den Klang des Namens mochte ich gleich. Liebfrauenschule. Ich stellte mir riesige Mengen lieber und lächelnder Mädchen vor,  Mädchen, die mir alle gefielen. Wenn ich an Köln dachte (…) dachte ich oft an die lächelnden Mädchen der Liebfrauenschule, und ich hätte mich niederlegen und ein paar Tränen vergießen können, nur wegen dieser ganz unspezifischen Schönheit, die ich mir dort auf dem Schulhof und in den Gebäuden der Liebfrauenschule, aber auch in der weiteren Umgebung der Liebfrauenschule vorstellte.” (S. 289)

So blickt Marko, 15, in den 70er Jahren auf die Welt , und diese besteht aus Mädchen, Büchern und Gott. Zwischen bischöflischem Internat und Wochenenden bei den geschiedenen Eltern in Köln färbt sich die Geschichte autobiografisch. Der Übergang vom Kind zum Mann mündet in einer schrecklichen Wahrheit… Für seinen Roman “Warum du mich verlassen hast” wurde der Autor 2006 mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld ausgezeichnet

Der Geburtstagsglückwunsch des Tages geht an den Schrifsteller, Journalisten, Literaturkritiker und -wissenschaftler Paul Ingendaay, der  vor 50 Jahren in Köln geboren wurde. Heut lebt er als Kulturkorrespondent in Spanien.

gp

In der Stadtbibliothek ist sein Roman unter der Signatur “U Ingendaay, Paul” zu finden und seine “Gebrauchsanweisung für Spanien” bei den Reiseführern unter “Mkn 2 Ingendaay“.

Sylvesternachtspaziergang

31 Dez

 

 

Zugegeben! Er ist mein Favorit! Das erste Märchen, das mich mitriss in die Tiefe war seine “Meerjungfrau“.  Und denk ich an Sylvester fällt mir sogleich “Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern” ein. Nicht ganz so bekannt ist  sein Neujahrsgeschichte ”Zwölf mit der Post“. Und wer noch mehr sprühende Phantastik von ihm lesen möchte, dem sei “Spaziergang in der Sylvesternacht” empfohlen. Es ist sein zauberhaftes Jugendwerk, gleichzeitig die erste bedeutende Prosa des 24jährigen Studenten. Durch die verschneite dänische Hauptstadtsilhouette streift ein einsamer Flaneur Holmens Kanal entlang. Und am Wegesrand erscheinen ihm bereits die Vorboten jener märchenhaften Figuren, die seinen Weltruhm begründen werden. Und höchst amüsant zu lesen ist, was der junge Mann der Welt im Jahre 2128 prophezeit: das Luftschiff, die Macht Rußlands und der Aufstieg Amerikas, aber auch für die Bibliotheken hat er eine Vision. Sein überbordende Phantasie führt in ein Schloß, von dem uns heute immer noch über 100 Jahre trennen. Vor ihm öffnet sich eine Galerie:

“Das Getäfel unter den Fenstern enthielt Bücherregale, und neben jedem Regal hing an einer kleinen silbernen Kette ein lebender Katalog, das heißt ein alter Star oder Papagei, der den Bibliothekar spielte und die Namen aller Bücher herunterschnarren konnte. Ach wie wenige waren dort von der Sorte, die uns jetzt überschwemmen! Selbst die Arbeiten unserer besseren Dichter waren zu ausgewählten Werken zusammenschmolzen…”  (S. 44)

Mehr sei nicht verraten und es ist der Phantasie jedes einzelnen überlassen, wie er sich die Bibliothek von 2128 vorstellt.

gp

Das Buch “Spaziergang in der Sylvesternacht 1828/29″ von Hans Christian Andersen steht im Bestand der Zentralbibliothek, und freundliche Bibliothekarinnen auf der 2. Etage helfen es zu finden.

Mehr Literatur zur Jahreswende findet sich hier.

Bild: Christian Albrecht Jensen 1836 gefunden bei Wikimedia Commons.

Ich lese gerade…

21 Dez
Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

William Faulkner, Licht im August

Was ist das, das einen veranlasst, ein Buch noch einmal zu lesen? Nach 25 Jahren. Man erinnert sich noch genau  an die Begeisterung, an all die körperlichen Reaktionen wie Hitze, Schwitzen, Atemlosigkeit und Fassungslosigkeit, wenn das Buch zu Ende ist und man erschöpft, aber auch erleichtert zurück bleibt. Und dass das gar nicht so häufig passiert in einem Leseleben. Aber dies gerade der Maßstab ist, den man eigentlich erwartet, immer wiederzufinden; bei jedem neuen Buch, bei jeder neuen Lektüre. Und ständig enttäuscht wird von der ewigen Flut an belanglosen Neuerscheinungen, die uns unterhalten und das ist ja immerhin auch schon etwas. Die uns allen aber als Sensation, als Jahrhundertbuch vom Markt der Verlage und des Feuilletons angepriesen werden. Und dann erscheint die Neuauflage dieses wirklich großen Jahrhundertsromans in einer neuen Übersetzung. Und du erinnerst dich wieder, schleichst drum herum, nimmst es endlich in die Hand und mit nach Hause und du bist für 3 Tage und Nächte verdorben für den Buchalltag. Und alles wiederholt sich. Und du bist wieder in Yoknapatawpha County in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderst, diesem Nest in Mississippi. Hitze, Staub, Dreck setzen die Poren zu, der Lärm des Sägewerks dröhnt in den Ohren. Die schwangere, obdachlose Lena Grove trottet  wie die Jungfrau Maria eine schier endlose  Landstrasse entlang auf der Suche nach dem Vater ihres Babys. Und allmählich werden alle Figuren Faulkners lebendig. Byron Bunch, der in Lena verliebt ist. Pastor Gail Hightower, dessen Frau auf mysteriöse Weise umgekommen ist und deshalb sein Amt niedergelegt hat. Joe Christmas, Arbeiter im Sägewerk, der eines Mordes beschuldigt , fliehen muss. Percy Grimm, der hasserfüllte Rassist. Und wie Faulkner die Handlung vorantreibt, immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, ist meisterhaft. Armut, Bigotterie, religiöser Fanatismus, Rassismus des Südens prallen aufeinander in einem fulminanten Höhepunkt. Nur Lena Grove, mit ihrem ungeborenen Kind im Leib, zieht weiter, begleitet von Byron Bunch, nach Tennessee.

William Faulkners ‘Licht im August’ finden Sie in der Zentralbibliothek auf der 2. Etage (Signatur: U Faulkner, William).

Doris Gercke: Tod in Marseille

7 Dez

“Maria-Carmen, sagte Nini, am besten, ich erzähle Ihnen alles von Anfang an.

Während Bella zuhörte, entstand vor ihr das Bild einer hübschen, jungen Spanierin, die mit allen Wassern gewaschen war und konsequent ihr Ziel verfolgte: ein unabhängiges Leben. Diesem Mädchen war es offensichtlich egal, woher das Geld kam, das sie für ein solches Leben brauchte. Und Freunde, die nicht in ihr Konzept passten, schob sie einfach beiseite…”

Bella Block fährt für einen längeren Urlaub nach Marseille. dort bekommt sie es mit einem Verbrechen zu tun, in das nicht nur die Mafia verstrickt ist. Auch ein Mann aus besten Hamburger Kreisen hat seine Finger im Spiel.

Gercke beschreibt jedoch nicht nur den Fall, sondern lädt uns zu einem kulturellen Streifzug ein. Außerdem greift sie Themen auf, die Marseille literarisch berühmt gemacht haben, sei es durch Anna Seghers “Transit” oder Izzos Marseille-Trilogie. Über Koeppen, Benjamin und Roth erfahren wir über Fall und Stadt.

Ein stimmungsvoller Krimi mit der Erkenntnis, die Dinge am Ende einfach auf sich beruhen zu lassen.

“…ich muss sie zulassen, dachte Bella, um mit dieser Geschichte abschliessen zu können. War es Zufall, das sie gerade jetzt vor dem Spiegel stand und sich ins Gesicht sah? Das bist du also, Bella Block: ein bisschen ausgefranst, runder als vor zwanzig Jahren, gelassener….”

Lab

Ich lese gerade…

22 Nov
Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

Ricardo Piglia, Ins Weiße zielen

„In meiner Familie werden die Männer verrückt, sobald sie Väter sind.
Sieh dir meinen Vater an: Er hat seine Zweifel nie besiegen können. Er
wusste nur, dass er der Vater meines älteren Bruders war, und Lucio war
der Einzige, der ihm seine Wünsche erfüllte, außer bei der Wahl seiner
Frau.“

Erst jetzt fiel Renzi auf, dass sie in immer kürzeren Abständen ins Haus
ging. Wieder verschwand sie, und er konnte sehen, wie sie sich über
einen Glastisch beugte.

„Was machst du da?“, fragte er sie.
„Ein bisschen Salz“, antwortete sie grinsend, während sie sich einen
zusammengerollten Hundert-Peso-Schein in die Nase steckte und sich
erneut über den Tisch beugte.

„Sieh einer an, die Mädchen vom Dorf. Lässt du mich auch eine Linie
ziehen?“

In seinem neuen Roman entführt uns Ricardo Piglia in die trügerische
Ruhe der argentinischen Provinz. Während alle Welt glaubt, der schwule
Japaner Yoshio habe den Ausländer Durán getötet, entwickelt Kommissar
Croce mit Hilfe des aus Buenos Aires angereisten Journalisten Renzi
seine eigene Theorie: Waren es wirklich nur die körperlichen Reize der
Zwillingsschwestern Ada und Sofía Belladona, die Durán in die Pampa
gelockt haben? Was hatten deren Vater und Bruder, die Besitzer der
hiesigen Fabrik, mit dem Opfer zu schaffen? Piglia bietet alles auf, was
das Genre des Krimis ausmacht. Nichts ist so, wie es scheint.

Empfohlen von Klaus Bittner, Buchhandlung Klaus Bittner GmbH

Den Titel finden Sie in der Zentralbibliothek auf der 2. Etage (Signatur: U Piglia, Ricardo)!

Bücherromantik

24 Sep

Klassisch zur Bibliothek aufs Erste hier ein (Bilder-)Buchtipp:

46 Autoren wurden gebeten, die in Quint Buchholz’ poetischen Bildern verborgenen Geschichten zu entspinnen und aufzuschreiben – alle gefragten Autoren haben dies auch getan und somit entstand dieses Buch.

Das alles verbindende Motiv[...]: auf sämtlichen Arbeiten ging es darum, das Buch – oder seine Vorformen: das Papier, die Schreibmaschine, den Füllfederhalter – darzustellen, und zwar in dem Moment, wo es seine Geschichte erhält und wieder hergibt.

Eine Hommage für einen großen Buchkünstler[...], der auf altmodische Weise die alte Geschichte fortspinnt, die nur zwischen zwei Buchdeckeln zu haben ist.

Und ausleihen: können Sie es in Ihrer Bibliothek!
(Pssst: Sie finden es unter “Ud Buchholz”)

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